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Interview 

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“Ich habe den Kopf ausgeschaltet und ich habe nicht drüber nachgedacht. Da liegst du dann und du brauchst Hilfe.”

Franziska Bleis

Stell dich doch mal kurz vor. 

Sehr gerne, ja. Also mein Name ist Franziska Bleis, ich wohne knapp südlich von Berlin, bin also Brandenburgerin und 43 Jahre alt, bin verheiratet, habe eine 14 jährige Tochter und bin herztransplantiert seit 4 Jahren. Mir geht’s sehr gut, ich habe jetzt wieder ein sehr sehr großes Maß an Lebensqualität und Aktivität erreichen können. Setze mich sehr stark für die Themen Organspende und Herzgesundheit und natürlich auch Frauengesundheit ein. Ich bin vorsitzende von Transplantiert e.v.. Wir sind ein Verein der sich, für Menschen, die auf eine Organspende warten, die generell organkrank sind, egal welches Organ, einsetzen und diese empowern. Wir entwickeln uns stark. Ich sehe Selbsthilfe wirklich nicht nur als Ort, in dem akut Intervention betrieben wird, sondern als großes Signal an die Mediziner:innen, dass wir auch (ein) Kompetenz Netzwerk sind. Von Menschen, die genau wissen, Was sie haben, die genau wissen, was es heißt, chronisch krank zu sein. Und große Herausforderungen hinter sich gelassen zu haben und dabei wachsen. Und das ist etwas, wovon wir alle profitieren können, wenn man das alles miteinander verbindet, dann können wir als Gesellschaft, unheimlich davon profitieren.

 

Du hast ja grade erzählt, dass du eine Herztransplantation hattest. Was genau hattest du denn für eine Herzerkrankung?

 

Dazu ist auch ganz interessant meinen Background zu kennen. Ich war 37 Jahre alt, als ich aus dem nichts heraus eine ganz schwere Form der Herzmuskelentzündung bekommen habe. Woran ich akut fast dran verstorben wäre, also ganz schnell in den sogenannten kardiogenen Schock gerutscht bin. Ich habe eine kleine Herzmikropumpe gebraucht, damit mein Kreislauf stabilisiert wird und ich bin gelernte biologisch technische Assistentin, habe 15 Jahre lang an der Charité in Berlin in der Kardiologie, in der Grundlagenforschung für Herzmuskelentzündung gearbeitet. Habe auch viele Jahre in dieser Tätigkeit als Study Nurse und Studienkoordinatorin viele Studien begleitet und teilweise auch konzipiert, über Herzschwäche und Herzinfarkt mitgewirkt. Für mich war oftmals auch das Patientenkollektiv, natürlich männlich. Das ist schon echt spannend, wenn man dann plötzlich auf der anderen Seite steht. Und anders die Welt betrachtet. Ich bin mit 37 dann Ende 2019, dann ganz schwer an dieser Herzmuskel Erkrankung erkrankt. Ich habe das auch nicht kommen sehen. Natürlich mir gings, aus der Erkältung heraus, nicht so gut und ich habe mich nicht so erholt wie ich (es) gewöhnt war und ich habe das Alles nicht erkannt, dass das von meinem Herzen kommt. Ich war 37, das ist natürlich kardiologisch noch total jung. Ich war fit, ich habe jede Woche ganz viel Sport gemacht, bin jeden Tag 20 Kilometer mit dem Fahrrad zur Arbeit hin und zurück. Ich habe das nicht erkannt. Und das ist tückisch und ich hatte dann auch wirklich am Tag, an dem mein Mann mich in die Klinik gebracht hat, hatte ich auch teilweise so Symptome wie Frauen auch beim Herzinfarkt haben können. Ich habe Druck auf der Brust, Luftnot, ich war total blass, ich hatte eine hohe Herzfrequenz, ich hatte vor allem eine Übelkeit und einen Druck im Oberbauch. Ich hatte auch so einen Reizhusten, das war auch der Grund weswegen ich hauptsächlich dachte, das muss ja von der Lunge kommen. Der war tatsächlich auch, sobald sich mein Herz dann durch die Pumpe auch stabilisiert hatte, war dieser Husten weg. Das war Für mich wie so wow, okay der Husten ist ganz komisch, dass passt ja nicht so zueinander. Das war auch so bis der Arzt zu mir meinte, wir glauben, dass ist ihr Herz- hat es alles nicht zueinander gepasst.

 

Das ist ja das, was häufig Frauen auch berichten, wenn es um Herzerkrankung geht, dass sie das absolut nicht einordnen konnten und deswegen häufig auch, gerade im Bereich Herzinfarkt, diese Symptome verkannt werden und die Diagnose viel zu spät kommt. Im Laufe meiner Erkrankung, also ich konnte dann so stabilisiert werden, dass ich dann nach 3 Monaten, dann auch wieder zuhause war, mit Reha. Ich hatte dann bereits einen Defibrillator  implantiert bekommen. Das sind alles Dinge, die ich früher mit hohem Alter assoziiert habe. Ich erinnere mich noch an meine erste Herzkatheteruntersuchung als Patientin, ich kam ja aus der Klinik und stand ganz oft im Herzkatheterlabor und an Betten von Patienten, die das Ganze hinter sich hatten. Plötzlich dies Seite zu wechseln, und jetzt hat man selber  diese Untersuchung, die für mich einfach tatsächlich eher assoziiert war als: Das hat man später im Leben. Viel später, weil ich auch einen ganz gesunden Lebensstil hatte.  

 

Jedenfalls, wurde dann eine schwere Herzinsuffizienz und schwerste Herzrhythmusstörungen diagnostiziert, und dann habe ich auch letztlich eine seltene Form der autoimun Myokarditis diagnostiziert bekommen und musste im Verlauf meiner Erkrankung, keine sechs Monate später,  für eine Herztransplantation gelistet werden. 

Zu der Zeit  war ich einigermaßen stabil, aber hatte dennoch ich immer die Angst, dass wenn ich bspw. nur kurz zum Bäcker gehe und ich dann instabil werde, umkippe und dann mein Defi schockt oder ich Hilfe brauche.

Ob der Defi dann so auslöst und schockt wie ich es benötige oder ob der Defi nicht mehr auslöst, weil garkeine Herzfrequenz mehr vorhanden ist, das weiß man vorher nicht. Ich hatte so viele Geschichten gehört wo der Defi nicht ausgelöst hatte und die Personen reanimiert werden mussten. Meine große Angst damals: Ich kippe um und niemand erkennt, dass ich reanimiert werden muss. Das war eine unmittelbare Angst, wenn ich jetzt nur die kleinen normalen Wege gehe und da passiert es. Weil ich einfach schon die Erfahrung gemacht habe, Herzrhythmusstörungen passieren einfach, du fühlst dich gut und im nächsten Moment hast du eine Herzrhythmusstörung und die hört vielleicht nicht auf. Und was passiert dann? Das war auch ein Grund weswegen meine Tochter, die war 8 als ich krank geworden bin und 11 geworden ist, kurz nachdem ich transplantiert wurde, sich nicht getraut hat in die Wohnung zu kommen, selbstständig mit ihrem Schlüssel nach der Schule. Weil da einfach die Angst war, was sie vorfindet. Ein Thema, über das man versucht auch in der Familie zu sprechen, ohne dass ja auch ständig- es gibt Themen da weiß man einfach, dass das allgegenwärtig ist, die Bedrohung, und trotzdem spricht man natürlich nicht mit jedem in der Zeit drüber. Grade mit so einem kleinen Kind ist es schwierig. Ich glaube für mich aus meiner Perspektive, ist dieses „ich habe Angst zum Bäcker zu gehen, der nur 100 Meter entfernt ist und ich kippe da um“, Schon ganz gut zu verstehen, was es bedeutet. Es sind schon zwei Sachen, einmal als Frau umzukippen und gesehen zu werden, als bedürftige Person. Und dann eben noch in diesem Alter. Und dass da wirklich jemand ist der, das erkennt und das eben beherzt in die Hand nimmt. Das war schon wirklich eine große Sorge.

 

Und dann letztendlich ist es passiert, mein Mann hat mich zweimal reanimiert. Also da war es dann so, dass mein Herz  schon so verändert war, dass der Defi in der Situation nicht viel ausrichten konnte, und dann musste mein Mann reanimieren. Da war auch meine Familie drum herum, also meine Eltern und meine Tochter. Da konnte sich ja zum Glück meine Mutter wenigstens drum kümmern und mein Mann war mit der Situation dann alleine, naja mein Vater war ja da. Aber trotzdem diese Aufgabe zu haben, diese Verantwortung zu haben. Da fand ich auch ganz interessant. Ich sage für mich ich war da nicht dabei. Mein Körper war da aber ich als Geist oder Seele oder was man sagen möchte, war nicht da. Ich war ja bewusst los.

Was hat man dir später über die Situation berichtet?

 

Als ich später wieder bei Bewusstsein war, hat mein Mann zu mir gesagt, und das finde ich rückblickend wirklich spannend: Es tut mir leid, aber wir mussten deinen BH durchschneiden. Und ich dachte mir so, warum sagt er mir das überhaupt? Warum hat das jetzt so eine große Aufmerksamkeit? Und fand das schon eigentlich schon so ja okay, hm Gott dann bin ich also nackt gewesen. Muss ich mich jetzt komisch fühlen? Weil der Rettungsdienst, mein Vater, alle die da waren mich oberkörperfrei gesehen haben? Das war natürlich nur ein kurzer Moment aber es hatte, all unsere Aufmerksamkeit in dem Augenblick.

 

Und erst später ist mir tatsächlich bewusst geworden, es gibt keine Reanimationspuppe, die eine weibliche Brust hat. Und das ist ja total wichtig ist, um genau so eine Unterhaltung eigentlich nicht mehr führen zu müssen. Weil das ist ja im Grunde genommen irrelevant, weil wir haben alle Körper, die egal wie sie aussehen, in dem Moment Hilfe brauchen.  Wir möchten ja auf keinen Fall irgendwelche Hürden haben, wenn es darum geht uns das Leben zu retten in so einer Situation. 

 

Wo ist dein Herzstillstand passiert?

Zuhause. Das war tatsächlich bei meinen Eltern zuhause und das war jetzt nicht in der Öffentlichkeit. Also dann wäre es wahrscheinlich was anderes gewesen es mir zu sagen. Ich hätte es wahrscheinlich anders aufgenommen. Okay jetzt musste man, vielleicht hätte ich mir da auch mehr die Frage gestellt, warum war das jetzt nötig mir den BH zu zerschneiden? Also ich glaube auch dass mir auch immer noch nicht klar ist, warum ist das wirklich denn nötig? Also warum spielt es so eine Rolle? Stört doch einen eigentlich nicht.

 

Das ist eigentlich so, warum hatte er das Gefühl er muss mir das sagen und warum, weil er hat es ja nicht gemacht. Er hat gesagt er hats nicht gemacht das hat der Rettungsdienst gemacht. Ich glaube so war das, genau. Und da stellt sich natürlich die Frage, warum ist das eigentlich so? Warum ist es besser den BH zu entfernen in dem Augenblick? 

 

Hast du dich dann irgendwie unwohl gefühlt? Als er dir das erzählt hat, dass du da oberkörperfrei lagst. Oder war dir das in dem Moment erstmal egal, weil erstmal hast du ja überlebt, das war ja wichtiger.

Also, tatsächlich war mir das schon egal, weil ich hatte, ja mit anderen Herausforderungen und Ängsten auch zu kämpfen. Grundsätzlich war ich einfach glücklich, dass ich wach geworden bin, dass ich noch alles beisammen hatte, dass ich keinen hypnotischen  Hirnschadenin irgendeiner Form hatte und dass es funktioniert hat. Hab meinen Mann auch dafür bewundert, dass er das einfach so straight durchgezogen hat. Das war ja auch eine ganze Weile. Und trotzdem habe ich mich auch kurz so dabei auch unwohl gefühlt, dass er das erzählt hat. Klar aus der Frage heraus, Mensch das hatte ich so, jetzt habe ich keine Kontrolle über meine Nacktheit gehabt. Tatsächlich war es beim zweiten Mal so, dass ich sogar schon nackt war. Weil ich grade duschen gehen wollt oder aus der Dusche kam. Also ich weiß immer noch nicht genau, ob es vor oder nach dem duschen war, das ist so eine retrograde Amnesie, die ich da ganz stark habe aber ich weiß noch genau, dass ich letztlich duschen wollte und dann hat er gesagt ich habe diese Herzrhythmusstörung gemerkt. Ich war also in der Lage nach dieser langen Zeit auch durchaus einzuschätzen, was ist eine bedrohliche Herzrhythmusstörung und was eine relativ normale Herzrhythmusstörung, die sich wieder eingrooved. Und da habe ich es grade so geschafft zu meinem Mann zu laufen. Und da war ich dann schon nackt. Das war mir unangenehm, es ist immer unangenehm gewesen aber beim zweiten Mal war es mir eigentlich egal. Ich finds schon interessant auch generell wie manche Patienten, da war ich auch grundsätzlich ganz anders, wie manche Menschen in einem Krankenhaus ihre Scham ablegen können. 

 

Hat sich denn deine Familie oder dein Umfeld als du die Diagnose bekommen hast und gewusst hast, es könnte was passieren, nochmal ein bisschen intensiver mit dem Thema Reanimation auseinandergesetzt? 

Das war natürlich eine Frage, die ich sofort meinem Mann gestellt habe. Er meinte nein er hat sich nicht nochmal explizit damit beschäftigt, er hat auch nur das Wissen was er aus einem Kurs aus der Arbeit und auch Fahrschule mitgenommen hat. Aber er hat auch zu mir gesagt, wenn da jemand liegt, den man liebt, und man der einzige Mensch ist, der jetzt hier irgendwie ein Fünkchen dagegenhalten kann. Dann tut man Alles. Ich glaube mein Mann hat einfach den Kopf ausgeschalten und hat einfach gemacht. Ich glaube das hat er auch zu mir gesagt: ich habe den Kopf ausgeschaltet, und ich habe nicht drüber nachgedacht. Da liegst du und du brauchst Hilfe und dann habe ich das einfach gemacht. Bei uns auf dem Land dauert es über 20 Minuten bis der Rettungsdienst da ist, also war das die einzige Hoffnung. Mein Mann hat mich über 20 Minuten reanimiert.  Meine Mutter hat parallel erst den Rettungsdienst gerufen und dann meine Tochter betreut. Mein Vater war anwesend und konnte den Rettungsdienst einweisen, da hatte ich wirklich Glück,  dass es in diesem Setting passiert ist. Und das ist auch das, was ich extrem als Herausforderung sehe, wenn sowas im öffentlichen Raum passiert oder man alleine ist. Da wünsche ich mir mehr Trainings für die Menschen und nicht nur einmal in der Fahrschule. 

Möchtest du der Leserschaft ansonsten noch Etwas mitgeben?

ch war damals unheimlich verzweifelt, als ich so krank geworden bin. Und ich konnte lange nicht begreifen, warum mir das passiert ist. Ich hatte aber immer ein Glas, welches halb voll war, das ist wichtig.

Dass diese Chancen, die man im Leben bekommt, mögen sie klein sein, mögen sie groß sein, dass man sie annimmt und dass man versucht, daraus das Beste zu machen und das der Glaube an sich selbst wortwörtlich, wie man gerne sagt, auch Berge versetzt. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass es mir so gut geht, weil ich einen ganz großen Anteil habe, und das dürfen wir uns nicht nur als Frauen, sondern generell, als Patienten nie absprechen lassen. Dass das eine ist das medizinische Werkzeug, was Ärzte benutzt haben, um uns zu helfen. Das andere und das ist ein viel größerer Anteil, das sind wir selbst. Und das ist die Hoffnung und der Mut, den man in sich selber entwickeln kann, aber auch wenn man sich austauscht mit Anderen. Weil diese Gemeinschaft ist, wirklich Befähigung und Selbstfürsorge und das ist was ganz ganz ganz Starkes. 

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